Anti-Knast

Warum der Knast scheiße ist? Eine simple Erklärung…..

Jede Gesellschaft ist durch Normen und Werte geprägt. Das ist völlig normal und unabdinglich. Unsere Gesellschaft jedoch ist von Gesetzen, Normen und Werten geprägt, welche von oben auferlegt worden sind. Sie gestalten den Takt unseres Lebens, sie bestimmen die Art und Weise, wie wir aufstehen, den Tag gestalten, einschlafen. Alles, was wir tun, soll in einem gewissen Rahmen passieren: angepasst, gesetzestreu, normkonform.

Steh pünktlich auf, gehe zu deiner Lohnarbeit, ackere dich kaputt, aber beschwere dich nicht. Gehe dann nach Hause, zu deiner Familie, liebe gefälligst deine Frau, deinen Mann, deine Kinder. Und schlafe dann wieder ein. Und wehe, du tust in dieser Zeit etwas, das der Staat nicht will!

Diese Vorstellung vom Leben ist keine, die sich jede*r selbst ausgedacht hat. Sie wurde über einen langen Zeitraum produziert, den Menschen aufgezwungen und ist in unseren Köpfen verankert. Nun leben wir nach dieser Vorstellung. Vielleicht nicht immer absolut oder mit vollem Einsatz, aber wir haben alle erkannt, dass wir bis zu einem gewissen Grad nach dieser Vorstellung leben können: sie ist relativ simpel und mensch kommt schon durch. Und nun scheint uns diese Vorstellung normal und völlig in Ordnung.

Allerdings ist es kein Zufall, dass wir uns mit dieser Vorstellung vom Leben arrangiert haben, sondern ein bewusstes Konzept des Kapitalismus: während eine Minderheit sich am Reichtum erfreut, hat die Mehrheit gerade mal das Nötigste um zu leben, zu überleben. Aber gerade weil es irgendwie reicht, weil mensch schon irgendwie durchkommt, beschweren sich auch die Wenigsten über diese unfairen Verhältnisse. Genau an dieser Akzeptanz erfreut der Kapitalismus: kein Widerstand, kein Aufstand, kein Protest gegen ihn. Die Mehrheit hält die Füße still, beklagt sich nicht. Eine solche Mehrheit ist für den Erhalt des Staus Quo absolut nötig, weil  Widerstand bedeuten könnte, dass die Kontrolle über das verloren geht, was unser derzeitiges System ausmacht: Herrschaft und Kapital. Die Vorstellung, dass Geld umverteilt oder sogar keinen Wert mehr haben und eine Gesellschaft ohne Herrschaft funktionieren würde, würde dem Staat nicht gefallen. Denn dieser stellt den Vollstrecker der kapitalistischen Logik und der Herrschenden dar: Eigentum wird von denen geschützt, welche eh schon am Meisten haben; die Mehrheit hat zwar nicht genug, um das Leben zu Leben, welches sie sich wünschen, aber genug, um durchzukommen; gewisse Normen und Regeln werden durchgesetzt und in den Köpfen der Menschen verankert.

Auf diese Weise spielen sehr viele dieses Spiel mit: sie ackern sich kaputt, halten sich an die vorherrschenden Regeln, beugen sich dem Staat und dem Kapitalismus. Kein Protest, kein Widerstand. Weil die Regeln im Kopf verankert sind. Weil wir nur diese Regeln kennen und andere utopisch scheinen.

Der Zorn auf Norm- oder Gesetzersbrecher*innen wächst dann dementsprechend, Strafe erscheint in Ordnung. Irgendwie muss mit diesen „Kriminellen“ ja umgegangen werden! Um aber überhaupt zu bestrafen, bedarf es einer Kontrolle.

Deswegen nutzt der Staat das Mittel (der Drohung) der ständigen Überwachung. Unser Leben kann bis auf das kleinste Detail vom Staat und seinen Mitspieler*innen beobachtet, analysiert und kontrolliert werden. Allerdings wissen wir nie genau, wann genau wir beobachtet werden. Möglich wäre es aber theoretisch immer. Somit ist ein erster Schritt getan, um Menschen zu einem angepassten Leben zu zwingen. Falls das aber nicht funktioniert, folgt die Repression. Sollte der Staat mithilfe der (Drohung der) Überwachung  merken, dass Individuen sich nicht so verhalten, wie er es sich wünscht, werden sie bestraft. Das härteste Strafmittel in der BRD stellt dabei der Knast dar: wenn du dich innerhalb der Gesellschaft nicht angepasst und gesetzeskonform verhältst, wirst du Schritt für Schritt weggesperrt, isoliert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Maximale Kontrolle mithilfe von Repression heißt maximale Anpassung.

Du sollst Angst davor bekommen, Gesetze zu brechen. Dir soll allgegenwärtig sein, dass der Staat dir bei deiner Alltagsgestaltung immer zusehen kann. Durch digitale Überwachung an öffentlichen Plätzen, am Arbeitsplatz und in der Bahn, durch Identitätscodes in deinen Ausweisdokumenten, durch maximale Polizeipräsenz und durch permanente Verbotshinweise (die es zu befolgen gilt!).

Aber es gibt auch Menschen, welche Gesetze brechen. Weil sie es wollen, um für ein schöneres Leben zu kämpfen, als das von oben vorgegebene. Weil sie es müssen, um zu überleben und keine anderen Mittel zur Verfügung haben, als Gesetze zu missachten.  Oder weil sie so weit an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind, dass der rechtskonforme Weg keine Option mehr sein konnte.

Aber auch wenn Taten moralisch nicht nachvollziehbar sind, können wir uns mit gefangenen Menschen solidarisieren. Dabei sollten wir uns zunächst die Frage stellen, warum bestimmte Taten unsere Vorstellung von Moral widersprechen und welche Gesellschaft wir anstreben. Wollen wir die neuen Richter*innen sein, welche festlegen, was in Ordnung ist und was nicht? Welche moralischen Grenzen wollen wir aufziehen? Wer kontrolliert diese dann und mit welchen Mitteln?

Wenn sich dafür entschieden wird, Richter*innen zu spielen, würde das unserer Vorstellung einer hierarchiefreien und anti-autoritären Gesellschaft auf jeden Fall widersprechen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns mit allen Taten solidarisieren und die Moral in den Mülleimer schmeißen sollen.

Wir müssen auf jeden Fall eigene Grenzen ziehen und festlegen, was wir in Ordnung finden und was eine Grenzüberschreitung darstellt und nicht verhandelbar ist. Allerdings kann für Menschen, welche diese Grenzen überschritten haben, Knast keine Perspektive sein. Knast verschärft gesellschaftliche Konflikte, anstatt sie zu lösen. All das, was wir außerhalb der Anstaltstore erleben, gegen was wir kämpfen und versuchen uns zu wehren, finden wir hinter Gittern noch einmal – allerdings gebündelter und in viel krasserer Form.

Der Kapitalismus spiegelt sich beispielsweise in der Ausbeutung von Gefangenen wieder, denn sie verdienen nur einen Hungerlohn für ihre Zwangsarbeit. Die Hierarchien innerhalb der Gesellschaft und die staatliche Autorität spiegelt sich in den Machtpositionen der Justizbeamt*innen gegenüber den Gefangenen wieder. Ebenso verhält es sich mit der Diskriminierung und Unterdrückung: im Knast ist mehr als offensichtlich, wer in der Position der Herrschenden und Beherrschten ist und welche Konsequenzen für die jeweiligen Positionen folgen.

Der Knast ist also scheiße, weil er nicht losgelöst ist von den herrschenden Verhältnissen, sondern Resultat davon. Aber er ist nicht nur eine Institution. Vielmehr zieht sich das Konstrukt „Knast“ durchs ganze Leben. Wir hier draußen, in der angeblichen Freiheit, leben mit der Drohung der totalen staatlichen Überwachung, im „Freiluftraum Knast“ welche bei einem Eigentums-, Norm- oder Gesetzesverstoß in der Institution der JVA endet.

Wir solidarisieren uns mit allen Menschen als „Personen in staatlicher Gefangenenschaft“. Weil sie es sind, welche die härteste Repression in der BRD erleben müssen: Isolation, Verachtung der Gesellschaft und (ewiger) Ausschluss.

Für die Abschaffung aller Knäste und für eine Gesellschaft ohne Staat, Kapitalismus und Unterdrückung.